Geschichte des Vereins

1878 - 2003

In 2003 war es schon 125 Jahre her, dass sich der Kaufmann Franz Bittlinger von den Jahnschen Idealen angesprochen fühlte und sich mit einigen Steglitzer Bürgern am 29. November 1878 zusammensetzte, um einen Turnverein zu gründen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der „Steglitzer Turnverein" bereits 23 Mitglieder. Wahrscheinlich hatte keiner dieser Männer daran gedacht, dass ihr frisch gegründeter Verein auch noch nach 125 Jahren bestehen und seine Gründung stolz gefeiert werden würde.

 

Kinderturnfest 1910

Keine drei Wochen nach der Gründung fand am 17. Dezember 1878 die erste Turnstunde in der gerade neu erbauten Turnhalle in der Plantagenstraße statt. Es ist kaum zu glauben, dass an dieser Stunde bereits 45 Männer teilgenommen haben.

Über die üblichen Vereinsaktivitäten hinaus engagierte sich der „Steglitzer Turnverein" auch im alltäglichen Zusammenleben in Steglitz, so dass 20 Turner am 2. Februar 1879 den „Feuer ­ Lösch - Verein Steglitz" gründeten.

Vorerst waren die Mitglieder des „Steglitzer Turnvereins" nur volljährige Männer, aber um das Jugendturnen in Steglitz zu fördern, eröffnete man am 1. Mai 1881 eine Lehrlingsabteilung für die 14 - 18-Jährigen und kurze Zeit später eine Zöglingsabteilung für Jungen im Alter von 6 bis 13 Jahren.

Am 2. Oktober 1881 weihte der Verein seine Turnerfahne, die 1945 von dem Turnbruder Gerhard Wagner aus den brennenden Trümmern ihres Aufbewahrungshauses gerettet wurde und auch heute noch bei feierlichen Anlässen mit Stolz gezeigt wird.

Bereits 9 Jahre nach seiner Gründung hatte der „Steglitzer Turnverein" die Ehre, das Gau - Turnfest 1887 ausrichten zu dürfen. Dass ihm die Ausrichtung und Durchführung dieses Festes übertragen wurde, zeugte von dem großen Unternehmungsgeist und dem Organisationstalent der führenden Männer und natürlich dem Leistungswillen der Mitglieder.

Die am 1. April 1894 gegründete „Steglitzer - Ältere - Herrenabteilung" trat 1896 dem „Steglitzer Turnverein" bei.

Die seit 1895 bestehende Radfahrabteilung konnte sich leider nur ein Jahr im Verein halten und machte sich 1896 als „Steglitzer Radfahrverein 1896" selbstständig.

Das Jahr 1896 brachte jedoch nicht nur den Verlust der Radfahrabteilung mit sich. Nein! Nach 18-jährigem Bestehen konnte endlich eine Frauenabteilung eröffnet werden, welcher kurze Zeit später eine Mädchenabteilung folgte. Man kann sagen, dass diese Abteilungen den Grundstein des Familienturnens im „Steglitzer Turnverein" bildeten. In den folgenden Jahren wurden weitere Schülerabteilungen eingerichtet - aus denen schon viele hervorragende Männer der Vereinsgeschichte hervorgegangen sind -, um den Nachwuchs im Verein zu fördern.

Obwohl der Verein nach außen in voller Blüte zu stehen schien, blieben Differenzen im Innern nicht aus. Es waren schwere Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Abteilungen, die den 1. Vorsitzenden dazu brachten, sein Amt im „Steglitz Turnverein" niederzulegen und aus dem Verein auszutreten. Mit ihm ging ein großer Teil der Mitglieder. 1897 gründete er mit ihnen die „Turngesellschaft Steglitz".

Trotz dieses schweren Schlags für den „Steglitzer Turnverein" durch diesen Verlust gab der Vorstand nicht auf. Durch den Optimismus und Ehrgeiz seiner Mitglieder blieb der Verein am Leben und konnte 1903 sein 25j-ähriges Jubiläum zu einem großen Erfolg werden lassen. Von nun an wurden neue Jugendabteilungen sowie eine neue „Ältere-Herrenabteilung", die über 23 Jahre von dem Turnbruder Oskar Hillbig geleitet wurde, gegründet.

1912 kam es leider nochmals zu einer Abspaltung eines großen Teils der Mitglieder inklusive des nicht wiedergewählten 1. Vorsitzenden Wilke, der den „Turnverein Jahn" neu gründete. Natürlich war auch das wieder ein schwerwiegendes Ereignis für den „Steglitzer Turnverein". Doch wie man sagt, heilt die Zeit alle Wunden, und zwischen dem Mutterverein, der „Turngesellschaft Steglitz" und dem „Turnverein Jahn" wuchs ein gutes und kameradschaftliches Verhältnis.

Ein weiteres bemerkenswertes Ereignis war die Umbenennung des Vereins am 29. Mai 1926. Von diesem Tag an hieß der „Steglitzer Turnverein" „Steglitzer Turn- und Sportverein 1878 e.V.".

1928 wurde der 50. Jahrestag der Vereinsgründung gebührend gefeiert. Es fand ein großer Festumzug durch ganz Steglitz statt, an dem 22 befreundete Vereine teilnahmen.

Auch die folgenden Jahre brachten dem Verein viele sportliche und turnerische Erfolge. Jedoch entwickelte sich die wirtschaftliche und politische Situation in Deutschland nicht sehr gut. Und natürlich blieben auch die Mitglieder des „Turn- und Sportvereins Steglitz 1878" nicht von dieser Entwicklung verschont.

Im Jahr 1933 wurden die bisherigen Organisationsformen der deutschen Turnerei aufgehoben und durch den Reichssportbund ersetzt. Ein jährliches An- und Abturnen wurde eingeführt. Bei diesen Veranstaltungen konnte man sein turnerisches Können unter Beweis stellen.

Mit dem Beginn des 2. Weltkrieges zerfielen, wie alle anderen, auch unsere drei Vereine. Jedoch haben sie bis dahin mit großer Freude und Erfolg an den stattfindenden Turnfesten - egal ob Gau-, Bezirks- oder Deutsche Turnfeste - teilgenommen.

Durch die Wiedereinführung der Wehrpflicht und der Arbeitspflicht fehlten viele „Helfer" in der Vereinsarbeit, die unter diesem „neuen System" sehr leiden mussten. Als der 2. Weltkrieg 1939 begann, war das Vereinsleben vorerst gestorben. Jedoch schon 4 Jahre nach Ende des Krieges wurde von den damaligen „Lizenzträgern" beschlossen, einen neuen Verein ins Leben zu rufen. Er sollte die Aufgaben und Ziele der drei alten Vereine weiterführen und erhielt den Namen „Turn- und Sportgemeinde Steglitz 1878 e.V.".

Die erste Maßnahme nach diesem Gründungsbeschluss war die Entscheidung, dass den noch lebenden Ehrenmitgliedern der alten Vereine die Ehrenmitgliedschaft der TSG -Steglitz verliehen wurde, um ihnen so für ihre langjährige Treue zu danken.

Mit der Gründung der neuen turnerischen Vereinigung in Steglitz wurden zwei lang erstrebte Ziele erreicht: Erstens wurde die Zeit der vereinslosen Ära beendet und eine organisatorische Form wieder gewonnen, die eine sinnvolle Betätigung erst möglich macht. Und zweitens wurde die Zersplitterung in mehrere kleine Vereine in einen Großverein umgewandelt und damit die Wirksamkeit nach innen und außen erheblich gestärkt.

Nun galt es jedoch, den Verein neu aufzubauen. Hierbei geht ein großer Dank an die vielen treuen und selbstlosen Helfer - besonders an Anne - Lise Hintze als Frauenwartin und an Carl Raeck als Oberturnwart, die dem Verein dynamischen Schwung und Auftrieb gaben.

Auch in dieser neuen Gemeinschaft blieben innere Spannungen nicht aus und so kam es, dass einige Mitglieder 1952 den Verein verließen. Zwar konnte man diese Abspaltung als einen Rückfall in die Vergangenheit betrachten, aber auf der anderen Seite waren so die Unstimmigkeiten vom Tisch und es konnte sich alles auf den Aufbau der „Turn- und Sportgemeinde Steglitz 1878 e.V." konzentrieren.

1953 in Hamburg fand das erste Deutsche Turnfest nach 15 Jahren statt und die TSG Steglitz war gleich mit 60 Teilnehmern vertreten. Bei dieser Gelegenheit wurde auch zum ersten Mal das neue Vereinsbanner mitgeführt.

1956 wurde Bruno Bath zum 1. Vorsitzenden gewählt. Dieses Amt hatte er bereits in den Jahren 1927 bis 1934 besetzt und ist kaum noch aus der Vereinsgeschichte wegzudenken. Schließlich hat er den Verein geprägt, wie kaum ein anderer und ihm stets neue Impulse gegeben.

Die 80-Jahrfeier fand im Steglitzer Bürger - Saal am 30. November 1958 statt. Im Anschluss an die Feier im Rathaus folgte ein großes öffentliches Schauturnen.

Die Mitglieder der „Turn- und Sportgemeinde Steglitz e.V." waren schon immer bekannt dafür, sich mit großer Freude und dem dazugehörigen Eifer auf die Turnfeste vorzubereiten. So auch zum Deutschen Turnfest in Essen 1963. Teilgenommen haben über 120 TSG - Mitglieder und nicht wenige kamen mit Siegerkränzen nach Berlin zurück.

Aufgrund des stetigen Wachstums der Mitgliederzahl war die Bildung neuer Abteilungen und Gruppen erforderlich. Da kam die Einweihung der Carl - Diem - Sporthalle gerade recht. Denn mittlerweile schrieb der Verein 1825 Mitglieder und war somit zahlenmäßig an 27-ster Stelle im Deutschen Turnerbund und im Berliner Turnerbund sogar auf Rang drei.

In den nächsten Jahren musste die TSG - Steglitz schwere Verluste erleiden. Der langjährige 1. Vorsitzende Bruno Bath verstarb völlig unerwartet am 5. April 1965. 70 Jahre hat er aktiv geturnt, dem Verein als Vorturner, Abteilungsleiter, Turnwart und natürlich mehrmaliger 1. Vorsitzender gedient.

Bald fand sich der Turnbruder Heinz Giehmann als 1. Vorsitzender. Der Grundschul- und Sportlehrer Heinrich Hauschildt folgte als Oberturnwart.

Zwei Jahre darauf, am 5. Juni 1967, verstarb - ebenso unerwartet, wie Bruno Bath - der Ehrenober- und Hauptturnwart Carl Raeck. Er gehörte zu den Männern und Frauen, die nach dem 2. Weltkrieg die Hoffnung und den Willen nicht aufgaben, den Turngedanken in unserer Stadt weiterleben zu lassen.

Wie schon erwähnt, waren unsere Wettkämpfer schon immer sehr erfolgreich, wenn es darum ging sich bei Meisterschaften zu beweisen. 1966 schafften Maria Jarosch und Dieter Schulz den Sprung - im wahrsten Sinne des Wortes - zur Weltmeisterschaft im Trampolinturnen. Ein Jahr später gewannen die „Jarosch - Schwestern" (Maria und Agathe) die Deutschen Meisterschaften im Synchronspringen.

Dieser Titel konnte dann nur noch mit dem 2. Platz bei den Weltmeisterschaften von Agathe Jarosch und Ute Czech (Salzgitter) getoppt werden.

Nach vielen anderen Städten kam die Welt - Gymnaestrada 1975 endlich nach Berlin. Die Gymnaestrada ist ein Turnfest ohne Wettkampf und Wertung. Es gab Vorführungen der Verbände des Internationalen Turnerbundes, in- und ausländischer Gymnastikschulen, Universitätsinstitute, Sporthochschulen und Lehrerakademien. Sogar die TSG hatte mit ihrer Kindergruppe einen Auftritt. Zudem hatte unser damaliger 1. Vorsitzender Heinz Giehmann die dekorative Gestaltung der Veranstaltungsstätten dieser Gymnaestrada übernommen und neben dem offiziellen Dank verlieh ihm der Berliner Senat die Goldene Ehrenplakette. Am 8. September 1976 verstarb auch er leider an den Folgen einer schweren Krankheit. Neuer 1. Vorsitzender wurde Andreas Gerstenkorn, der uns zwei Jahre nach der 100-Jahrsfeier ebenfalls verließ. Zu seinem Nachfolger wurde der bisherige 2. Vorsitzende Andreas Juhre gewählt. Turnbruder Heinrich Hauschildt verließ die TSG Steglitz 1878 e.V. aus vereinsinternen Querelen und nahm etliche Turnkinder mit in einen anderen Steglitzer Sportverein.

Aus Anlass der 100-sten Wiederkehr der Vereinsgründung hatte der Vorstand viele öffentliche Veranstaltungen vorbereitet. So wurde ein „Jugend - Schwimmfest", sowie ein Jubiläumsschauturnen in der Schöneberger Sporthalle organisiert. Hier haben sich alle Abteilungen der TSG Steglitz präsentiert.

Im Jahr 1983 veranstaltete die Rhönradabteilung aus Anlass ihres 20jährigen Bestehens eine Feierstunde, die zugleich als Großveranstaltung und Jahresabschlussfeier gedacht war. Zudem entschied sich der Vorstand, Liselotte (Lilo) Rehm zum Ehrenmitglied zu ernennen, da sie seit ihrem Eintritt 1952 in die TSG mehrere Ämter bis hin zur Abteilungsleiterin der Rhönradabteilung bekleidete und schon lange vor dem Krieg in die Turnbewegung eingetreten ist.

Am 7. Juli 1983 ging unser Ehrenmitglied und langjährige Kinderturnwartin für immer von uns. Mit Anne - Lise Hintze verlor der Verein die wohl aktivste und markanteste Persönlichkeit der letzten Jahre. Sie hat die Entwicklung des Frauenturnens der TSG in stärkstem Maße geprägt und beeinflusst.

Am 13. April 1983 gründete sich die erste Herzsportgruppe in der TSG Steglitz. Dies bedeutete, den jahrelang gehegten Gedanken - die Rehabilitation für „Herzkranke Menschen" in der TSG Steglitz 1878 - in die Tat umzusetzen. Unter der damaligen medizinischen Leitung von Dr. med. F. Martens (amtiert noch heute als Privatdozent an der Charité Campus Virchow), Angelika Matern - Grutzeck und Andreas Juhre gelang es bis heute zwei Rehabilitationsgruppen und fünf Präventions- oder Sekundärgruppen mit entsprechenden Übungsleitern, die unter anderem auch Physiotherapeuten sind, auszustatten und das Spezial durchführen zu lassen. 2003 feierte diese Abteilung ihr 20-jähriges Jubiläum.

Für den Verein war es eine große Ehre, als er am 9. März 1985 im Internationalen Congress Center Berlin die Sportplakette des Bundespräsidenten verliehen bekam. Diese hohe Auszeichnung wird Sportvereinen verliehen, die mindestens 100 Jahre alt sind und in dieser Zeit Leistungen erbracht haben, die der Allgemeinheit dienlich waren. Als besonderer Verdienst wurde der TSG das kontinuierliche Bemühen um den Breitensport ebenso anerkannt, wie das besondere Interesse an Leistungen.

Im Jahr darauf folgten die Vorbereitungen auf das Deutsche Turnfest 1987 in Berlin und das Berliner Landesturnfest 1986 als Generalprobe.

Das Turnfest 1987 stand voll im Zeichen des 750-sten Geburtstags der Stadt Berlin als Geschenk des Deutschen Turnerbundes, der das Fest um ein Jahr vorverlegt hatte.

Als nächste große Veranstaltung der TSG stand die Feier für ein 110-jähriges Bestehen im Jahr 1988 an. Gefeiert wurde am 25. November im Hotel Steglitz International. Das umfangreiche Programm wurde durch die Begrüßungsworte des 1. Vorsitzenden, den Turnbruder Andreas Juhre, eröffnet, der die Gelegenheit nutzte und einen Überblick über die vielfältigen Aktivitäten des Vereins gab. Es folgten Reden und Darbietungen. Den krönenden Abschluss bildete die Vorführung der vereinseigenen Jazz - Dance - Gruppe.

Und nur 5 Jahre später feierte die TSG Steglitz ihren 115-ten Geburtstag. Aber nicht nur das! Mittlerweile bestand die Abteilung für Koronarsport schon 10 Jahre. Da die Mitglieder es schon immer verstanden, besondere Ereignisse groß zu feiern, ließen sie auch dieses Fest zu einem achtbaren Erfolg werden.

Die nächsten Jahre bis heute brachten der TSG viele Erfolge (vor allem im Turnen) und Freuden.

In unserem Jubiläumsjahr 2003 hat die TSG wieder eine neue Erfahrung gesammelt, indem sie einen Turnverein aus Frankreich zu sich einlud und nach einigen Anlaufschwierigkeiten alles zu einem Riesenerfolg werden ließ. Kurz zuvor hat sie einen Jubiläumswettkampf mit einem befreundeten Berliner Verein veranstaltet, wo sich unsere Turnerinnen mit denen des TSV Marienfelde gemessen haben.

„Die Verbundenheit und die Kameradschaft zwischen den Menschen - in langer Zeit gewachsen - ist letzten Endes die Voraussetzung dafür gewesen, dass die organisierte Turnerei in Steglitz trotz manchmal unüberwindlich erscheinender Schwierigkeiten doch mehr als hundert Jahre Bestand haben konnte. Nicht den „Eintagsfliegen" ist so zu danken, sondern dem in Zusammengehörigkeitsgefühl fest verwurzelten Kern der Mitglieder! - Diesem wichtigen Zustand dient - auch wenn nicht immer klar erkannt und ausgesprochen - die Ehrung dieser Menschen!"